30.7.2020 Grandes Jorasses Traverse

Mit Philip mache ich mich mal wieder auf den Weg nach Chamonix, das Ziel soll die Traverse der Grandes Jorasses sein. Eigentlich wollten wir ja etwas längeres machen, aber die Woche zuvor hatte ich einen ziemlich üblen Sturz über Felsbänder, welcher mir ziemliche Schmerzen am Rücken bereitet.
Die Traverse ist ja nun auch nicht so kurz also scheint das ein guter Kompromiss zu sein.

Los geht’s um halb 7 bei der Helbronner-Bahn in Courmayeur. Zuerst solls keinen Platz mehr haben, da alle Reservationen die Bahn füllen sollen, was dann aber doch noch umdisponiert wird. Wir kommen dann sogar ohne Corona-Temperaturtest auch noch auf die 1. Bahn.
Um etwa 7:15 legen wir dann auf dem Gletscher los und Philip gibt ein unglaubliches Tempo vor und der Schweiss fliesst bereits beim Bergschrund, welchen wir nach 30min bereits erreichen.
Da ich morgens vergessen habe, mein Merinoshirt anzuziehen und immernoch mein Baumwollshirt anhabe ziehe ich es gleich ganz aus und gehe nur im dünnen Fliesspullover weiter.
Kurze Zeit später, nämlich um 8:20 stehen wir bereits am „Salle a manger“ und somit am Start der Gratüberschreitung welche zuerst den Rochefort-Grat und später die Gipfel der Grandes Jorasses traversiert. Wir sind guter Laune und Fitness und gehen weiter locker unangeseilt über den z.T. schon (oder besser gesagt immernoch) sulzigen Rochefortgrat.
Als wir 2 Schweizer überholen sagen sie uns, dass eine Seilschaft bereits umgedreht habe, da die Verhältnisse viel zu weich für eine erfolgreiche Überschreitung seien. Philip antwortet ganz trocken darauf „Wir werden ja sehen“. Und weiter geht’s. An der Aiguille du Rochefort nehmen wir das Seil wieder kurz raus und klettern simultan zu deren Gipfel und ohne zu zögern weiter in Richtung Dôme de Rochefort. Kurze Felspasagen überklettern wir, dazwischen immer wieder völlig durchnässte Wächten, bei welchen wir zwischen Eisgrat und Wächte hindurchbrechen. Echt mühsam und zeitraubend.
Der Dôme de Rochefort sieht viel schlimmer aus als er ist und wir begehen diesen wieder problemlos seilfrei. Dann folgt die Abseilpiste hinunter zum Biwak, welches in etwa die Mitte des Grates markiert. Den ersten Abseilstand findet man am höchsten Punkt wo man aufs Biwak blicken kann. Die Abseilerei erfolgt über durchwegs gebohrte Stände und verläuft bei uns problemlos. Ein 50m Einfachseil hat auf der ganzen Tour gereicht, auch hier.

Es ist nun 12:15 Uhr und nach der guten Mittagsrast gehen wir weiter, wir wollen nämlich bis mindestens auf den Pointe Whymper um da zu biwakieren.
Der nun folgende Aufstieg auf die Pointe Young ist klettertechnisch die Schlüsselstelle, wobei die 2. Seillänge, mit zuerst plattigen Moves und dann einem nassen Cheminée, wohl die Schlüssellänge darstellt. Danach geht’s immer fordernd aber deutlich einfacher zuerst ein wenig Links und dann wieder gerade hoch bis auf den Grat. Wir wechseln uns nach jeweils ein paar Seillängen ab, damit jeder etwas vom Wegfinden hat.
Vom Gipfel steigt man nun noch etwa 20-30m auf der Chamonix-Seite ab und findet dann da den richtigen Abseilstand, von welchem man mit 1x Abseilen tiptop in die Scharte kommt. Von hier geht’s gerade hoch weiter und nachdem auf Bändern auf der Südseite gequert wird sollte ins darunterliegende Couloir abgeseilt werden. Wir haben das nicht richtig gemerkt und sind einfach weiter auf dem Grat weitergeklettert, bis wir 6m in eine Scharte abgeseilt haben. Hier gerade hoch weiter erschien mir ziemlich schwierig und fragwürdig, ob das wirklich machbar sein kann. Auch hingen hier schon Schlingen, welche auf ein Abseilen hindeuteten. Der Blick hinunter sah eindrücklich aus: Lose, überhängend und nicht wieder hoch kletterbar. Wir verbessern noch den Stand und ich seile mich ab in den steilen Kamin. Am Seilende angekommen finde ich etwa 2m weiter unten einen improvisierten Stand mit Schlingen um einen eingekeilten Block im ziemlich losen Fels. Ich belaste ihn ganz vorsichtig und will mir gar nicht vorstellen, wie viel mehr er wohl ertragen würde. Echt ungeil!!! Naja, wir seilen an ebendiesem Stand noch einmal ab und kommen in das W-Couloir, welches „Mixedgelände“ auf den SW-Grat der Pointe Margherite bereithalten soll. Das Mixedgelände ist dann einfach Sand mit Steinen durchsetzt und meiner Meinung nach die absolut unangenehmste Stelle der gesamten Überschreitung.
Bezgl. besseren Optionen sei hier noch angefügt, dass von der Scharte, von welcher wir abgeseilt hatten die Kletterei direkt hoch wohl nur 5/5+ gewesen wäre und ich das nächste Mal wenn ich hier zu weit klettere auf jeden Fall direkt hoch würde.
Sobald der SW-Grat erreicht wird, kann wieder frei nach Gefühl dem einfachsten Weg nachgeklettert werden im normalfesten alpinen Fels.

Weiter gings immer dem Grat entlang, meist in der Nordseite ausweichend und ab und zu mit kleinen Abseilern (Makramee!;) für schnelleres vorankommen ohne Seil fädeln). Der Fels auf die Pointe Hélène war nochmals sehr speziell, man wusste nicht wirklich was hält und was nicht und das simultane Klettern brauchte doch etwas an Vorsicht. Immer dem Grat folgend wird’s nun immer einfacher, bis man auf dem Gipfel der Pointe Whymper steht. Es ist erst 17:45 und wir sind froh, dass alles mehr oder weniger Reibungslos gelaufen ist.

Die Entscheidung wo wir schlafen wird uns vom Donnergrollen, welches immer öfters und näher kam, abgenommen. Die Pointe Walker lassen wir links liegen, da es weder eine technische Herausforderung, noch ein grosses Ausdauerproblem gewesen wäre, dort noch hoch zu gehen. Absteigen wollten wir nämlich über die Whymperrippe, da der Sérac über den Abstieg der Walkerrippe bereits schonmal abgegangen war und wir dieses Risiko nicht auf uns nehmen wollten.
Also nahmen wir die Beine in die Hände, oder so ähnlich, und kletterten ein gutes Stück immer am Grat bleibend ab bis wir auf einen Haufen Abseilschlingen in östliche Richtung stossen. Hier seilen wir 2x 25m auf den Gletscher ab und steigen/seilen den Normalweg ab zur Boccalatte-Hütte wo wir um 21:00 genüsslich eine Cola den Hals herunterfliessen lassen. Wir checken den Radar: Es war die perfekte Entscheidung noch abzusteigen, denn in einer halben Stunde wird da oben die Hölle los sein, die riesige Gewitterzelle zieht genau hierher. Wir nehmen sehr gerne einen Schlafplatz in der Hütte ein und kochen uns noch kurz vor dem Gewitter unser Couscous.
Am nächsten Morgen steigen wir in einer guten Stunde noch ab bis ins Tal und fahren zurück, da die Arbeit wieder rief.

Fazit

Lange (nicht ganz so lange wie gedacht) und ausgesetzte Tour über mehrere unglaublich coole und prominente Gipfel in der besten Region der Alpen. Ein gutes Gespür für die Routenfindung und Einschätzung der Felsqualität ist ein grosser Vorteil, denn ausser an der Pointe Young ist der Fels eigentlich überall nicht bombenfest. Die Schwierigkeitsangaben stimmen eigentlich überall ziemlich gut wobei die Pointe Young wohl viel angenehmer am Mittag (nur nass, nicht eisig) ist. Startet man hier frühmorgens direkt aus dem Biwak in die eisige Schlüssellänge kann sich das ziemlich sicher härter anfühlen als V/+ 😉

Zeit:
Die Beste Zeit für die Überschreitung ist ganz klar im Sommer, wenn der Fels der Grandes Jorasses Schneefrei ist. Den Rochefortgrat haben wir anders als andere Seilschaften an diesem Tag nicht so tragisch wahrgenommen mit dem durchässten Schnee. Viel mühsamer wäre es, hier Blankeis vorzufinden, was ein Vorwärtskommen noch mehr verlangsamen würde.
Wir würden, vorausgesetzt der Wetterbericht lässt es zu, immer wieder am Biwak vorbei weiter klettern und wenn möglich die Biwakplätze auf der Pointe Whymper anpeilen. Hier gibt’s Schnee und schön flache Plätze, auch weiter im Abstieg auf der Rippe.

Unsere Zeit:
7:15 Start Turinerhütte
8:20 Start Rochefortgrat
12:00 Canziobiwak
13:30 Pointe Young
17:45 Pointe Whymper
21:00 Boccalatte-Hütte

Material:
50m Einfachseil
Einige Schlingen
4-6 Alpinexpressen
Friends 0.4 – 2
Hochtourenausrüstung
Helm

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