23.2. – 25.2.2019 Petit Dru Nordwand Winterbegehung

Da momentan Zeit zur genüge vorhanden ist, habe ich mich dazu entschlossen neben dem ganzen Hometraining einige der interessantesten und coolsten Begehungen der letzten Jahre genauer zu beschreiben.

Die Schönwetterphase mit milden Temperaturen im Februar 2019 zog uns nach Chamonix, genau zur Petit Dru. Diesen Berg wollten wir schon lange einmal besteigen, da uns aber im Sommer der Steinschlag und im Winter die Kälte immer davon abhielten, war dies genau der richtige Zeitpunkt um einen Versuch in der Allain-Leininger Route zu starten.

Da die Grand Montets Bahn nicht mehr läuft, weil die Station gebrannt hat, gingen wir vom höchst möglichen Sessellift mit Biwakmaterial, Essen und Kletterausrüstung mit den Skiern zur Bergstation der Grand Montets. Die Verhältnisse für den Aufstieg können wohl nicht viel schlechter sein mit fast eisig-hartem Schnee und Steinschlag aus dem Felsriegel unterhalb der Station. Wir kommen dafür durch das Adrenalin gepusht ziemlich gut voran.
Der erste Blick in die Wand ist fantastisch, wir wissen zwar noch nicht genau wie wir dahin kommen sollen, freuen uns aber bereits auf die bevorstehende Kletterei.

Einige Spuren weisen den Weg (diese waren wohl schon älter) in eine grosse, nach SW ausgerichtete Rinne. Wir fahren diese ab und bemerken unten, dass links der Rinne bereits sehr grosse Nassschnee-Anrisse vorhanden sind. Wir traversieren zügig zum Gletscher und montieren wieder die Felle. Etwa 1h später erreichen wir einen perfekt vorbereiteten Biwakplatz aber keine Leute weit und breit!
Was für ein unglaubliches Gefühl, hier unter diesem Berg, mit dieser Kulisse alleine den Abend und die Nacht geniessen zu können!

Wir inspizieren noch kurz den ersten Weg für den nächsten Tag und legen uns schon bald in die warmen Schlafsäcke denn sommerlich warm ist es trotzdem nicht hier oben.
Wir schlafen beide ziemlich gut und starten ca 1h bevor natürliches Licht vorhanden sein wird los Richtung Bergschrund und Einstieg.

Hier wartet bereits die erste Schlüsselstelle denn über den ca 1m breiten Bergschrund an den Fels muss man ziemlich kühn, mit den Eisgeräten in feinsten Rissen verklemmt, die ersten 5m direkt über dem Bergschrund ohne wirklich gescheite Absicherung hinter sich bringen. nach ca 30m finde ich einen geeigneten Ort und sichere Noah nach. Den Rest des Vorbaus absolvieren wir gemeinsam am gestreckten Seil ohne grössere Probleme. Im 1. Schneefeld stapfen wir an die obere rechte Ecke wo der logische Weg weitergeht. Noah übernimmt hier den Vorstieg und wir steigen gemütlich dahin, zuerst noch simultan, bis wir an die schwierigeren Passagen vom Offwidth-Riss und Lambert-Riss gelangen. Noah übernimmt die Drecksarbeit vom Hochschrubben durch den Kamin, ich führe dafür die schwierigeren (laut Topo) Seillängen danach. Um kurz nach Mittag steigen wir beim nächsten Schneefeld ganz nach rechts auf die Kante hoch, hier hat es mehrere Biwakplätze, welche wir aber nicht benutzen werden, da wir noch zu früh dran sind. Dafür gönnen wir uns hier die 1. richtige Pause seit dem frühen Start um 6:00.
Wir sind beide schon ziemlich „gebraucht“ da die Kletterei ein gehen ohne Steigeisen durch gelegentliche Schnee und Eisauflage nicht zulässt und die schwierigeren Felsstellen dann doch meist trocken waren und mit Steigeisen schon ziemlich anspruchsvoll zu klettern waren.

Weiter geht’s wieder kurz abkletternd zurück in die offensichtlichen Kamine/Risse welche in Aufstiegsrichtung links vom Grat den Weg weiter nach oben weisen.
An die nächsten Seillängen kann ich mich leider nur noch halbpatzig erinnern, ich weiss nur noch, dass wir uns ziemlich ausgelaugt weiter nach oben kämpften, denn wir wollten zu dem Loch, welches zum Biwakplatz auf die Westseite lockt. Wie konnte es aber anders kommen… die Sonne geht unter, ich bin in einem Schneefeld und wir haben weder das Loch, noch einen guten Biwakplatz gefunden… Der Weg war bisher nicht ganz einfach zu finden und daher beschliessen wir an Ort und Stelle noch die letzten Sonnenstrahlen zu nutzen um etwas Wasser und Nachtessen zu kochen. Es ist kalt, windet aus Norden und minütliche kleine Spindrifts gestalten das Kochen eher anspruchsvoll und unangenehm. Heute Abend werde ich einen grossen Fehler machen, der mir nie mehr passieren wird!
Durch die Unannehmlichkeiten der Situation und Temperaturen haben weder ich noch Noah Lust noch mehr Wasser zu kochen (wir waren ca. 11h Nonstop kletternd unterwegs). Wir haben jeweils gesamthaft etwa 1.5l Wasser getrunken. Der Kocher verschwindet im Schlafsack, sodass Gas und Brenner über Nacht nicht einfrieren. Meine Beine hängen über dem Abgrund und der Rücken liegt am 55° steilen Hang. Noah hat seine Füsse auf einem Stein aufgelegt und liegt direkt an meiner Schulter auch am Hang. Unglaublich wie selbstverständlich wir uns in dieser doch ziemlich erdrückenden Situation hergerichtet hatten.
Die Nacht war schmerzhaft, ich hatte Muskelkrämpfe am ganzen Körper und das ca. im Halbstundentakt – dies kommt von der Dehydration. Dazu kam der blöde Spindrift und die unbequeme „Liegeposition“.
Die Aussicht auf Stadt, Berge und Himmel sind einmalig, mehrmals bestaunen wir diese Nacht die unendliche Schönheit dieser unglaublichen Natur. Dankbar hier sein zu dürfen, trotz allen Unannehmlichkeiten!!

Es wird hell, wir sind froh, uns nun endlich wieder bewegen zu dürfen. Endlich wird das Gelände verschneiter und das Steigen mit Steigeisen und Eisgeräten wenigstens logischer als ohne! 3 Stunden nach Aufbruch stehen wir am Gipfel. Froh, glücklich, müde, stolz aber immer noch angespannt, da der Weg runter ja noch vor uns liegt und wir nicht genau wissen was uns erwartet.

Wir steigen nach einer 20 minütigen Pause ab in die Scharte zwischen Petit und Grand Dru. Hier hat es bereits eine Schlinge um abzuseilen und ich beginne mit dem ersten von etwa 18 Abseilern das Nordcouloir hinunter.
Dies geht zum Glück ohne grosse Probleme oder Seilverhänger über die unglaublich steile und eindrucksvolle Direktroute durch diese steilen Rinnen und Kamine.

Zurück beim Zelt beschliessen wir entgegen des Plans, am nächsten Tag abzusteigen, direkt alles zusammen zu packen und in Chamonix gebührend die Begehung zu feiern. Hier und da im Abstieg kamen noch kleinere und grössere Probleme in den Weg, welche einen Abstieg durch steinschlägige Moränen, eine dämmernde Abfahrt über den uns unbekannten Gletscher (Mer de Glace) und ein ankommen bei Dunkelheit im Tal einschliesst.
In der Bar angekommen haben wir natürlich unverhältnismässig viel bestellt und sind praktisch beim Abschliessen des Essens nahezu im Sitzen eingeschlafen. War wohl nichts mit feiern. Wir kuscheln uns in den knappen Kofferraum meines Kombis und schlafen bei zugefrorenen Scheiben 12h durch bis uns die Sonne am nächsten Morgen aus den Federn holt.
Beide glücklich, dass alles so glimpflich verlaufen ist und wir auf dem wohl am eindrücklichsten aussehenden Berg der Alpen gestanden sind. Was für ein Abenteuer, danke nochmals an Noah für die überwältigenden Tage!

Fazit

Nicht umsonst eine der ganz grossen Nordwände der Alpen – Abenteuer pur mit teils nicht ganz klarer Routenfindung, was das ganze noch interessanter macht.

Zeitpunkt:
Diese Wand sollte nur bei kühlen Temperaturen aufgrund von fallenden Steinen angegangen werden und das Wetter sollte unbedingt stabil schön sein, da ein Rückzug zwar möglich aber wahrscheinlich nicht ohne Materialverlust möglich wäre. Auch aufgrund der Teil verblockten Kletterei wird ein Seilabziehen wohl mit Sicherheit zu Seilverhängern führen.

Unsere Zeiten:
6:00 Start Biwakplatz
13:00 oberhalb 2. Schneefeld
17:30 Biwakplatz
7:00 Start oberer Teil
10:00 Gipfel
15:00 Biwakplatz verlassen Richtung Tal
18:00 Chamonix-Valley

Material:
– Halbseile
– 1 Satz Friends 0.2 bis 4
– 6 Express
– Steigeisen und Eisgeräte
– Biwakmaterial inkl. Essen und Kocher
– Zelt hatten wir nur unter dem Berg im Gebrauch
– Skitourenausrüstung inkl. Sicherheitsausrüstung für Zustieg und Abfahrt

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